Mein Gedenken an die Köpenicker Blutwoche

Vielleicht war es eine warme Sommernacht wie heute Abend, als sich heute vor 80 Jahren die Schlägertrupps der SS, SA und GeStaPo rund um den heutigen Bahnhof Köpenick sammelten. Nach der rechtswidrigen Machtübergabe an Hitler und die NSDAP, im Januar 1933, sollte dieser Abend der Lackmustest werden: wie weit könnten sie mit ihrem Terror gehen ohne dass die Bevölkerung den Aufstand wagt?
Über einhundert Nazi-Schläger, aus dem ganzen Stadtgebiet, hatten sich in Köpenick versammelt, darunter auch die berüchtigte SA-Gruppe Maikowski-Sturm aus Charlottenburg. Am Abend des 21. Juni 1933 begannen sie ihre Aktionen, zuvor gab es bereits einzelne Verhaftungen. Gezielt wurden Häuser und Wohnungen von Sozialdemokraten, Gewerkschaftern, Juden, Kommunisten oder bekannten Gegnern der NSDAP aufgesucht. Sie alle wurden ohne jegliche Befugnis, polizeiliche oder richterliche Anordnung, verhaftet und in „Gewahrsam“ genommen. Die meisten Gefangenen waren im Gefängnis des Amtsgerichtes untergebracht. In den winzigen Zellen waren bis zu 20 Personen eingepfercht. Dies widersprach, auch damals noch, allen geltenden Gesetzen und geschah vor den Augen von Justiz und Polizei. Sie schritten nicht ein.

Das Ende der Gesellschaft

In den Sturmlokalen oder in der Kapelle des Amtsgefängnisses begannen die Folterungen. Einer nach dem anderen wurde in die Räume geschleppt und dort bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Für jedes Jahr Mitgliedschaft in der SPD gab beispielsweise es einen Schlag mit einem Rohr auf den blanken Rücken. Die Misshandlungen waren so schwer, dass Augenzeugen berichteten sie hätten Knöcheltief im Blut gestanden. Auf liegengebliebene Opfer wurde immer weiter eingetreten und geprügelt, mit Peitschen, Stühlen, Stöcken und Gewehren. Berichtet wird, dass Blut und Fleischstücke zusammengefegt und in Eimern herausgetragen werden mussten. Die Grausamkeit des Vorgehens zeigt sich besonders an einem Opfer der Bluttat.
Paul von Esser, SPD-Mitglied, Gewerkschafter im KWO-Werk und Mitglied der sozialdemokratischen Schutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, kam am 22. Juni abends nicht zu seiner Familie nachhause. Erst über eine Woche später wurde sein Leichnam in einem Sack zusammengebunden in der Dahme angespült. Ihm wurden die Augen ausgestochen, die Fingernägel gezogen und die Zunge herausgeschnitten. Wie man später herausfinden sollte, wurde er so zugerichtet, lebendig in die Spree geworfen.
Ein weiteres Schicksal dieses Abends war Anton Schmaus 23 Jahre alt, Mitglied der sozialdemokratischen Jugendorganisation SAJ, Sohn des Sozialdemokraten und Gewerkschafters Johann Schmaus. Als sein Vater von den SA-Leuten abgeholt werden sollte, verteidigte Anton seine Familie. In Notwehr schoss er drei der Angreifer nieder. Alle drei überlebten das Jahr 1933 nicht. Danach floh er. In Friedrichshagen stellte er sich der Polizei, wahrscheinlich in der Hoffnung vor den Nazis geschützt zu werden, doch noch in dieser Nacht wurde er der SA übergeben. Während eines Gerangels zwischen SA-Leuten, um die Frage wer Antons Folterung übernehmen dürfte, löste sich ein Schuss. Er traf Antons Rücken und lähmte ihn. Gefoltert wurde er anschließend trotzdem. Er verstarb erst im Januar 1934. Sein Vater wurde in der Nacht zum 22. Juni in seinem eigenen Haus erhängt. Insgesamt gibt es 24 bestätigte Todesopfer der Köpenicker Blutwoche, 70 weitere Personen werden bis heute vermisst. Sodass genaue Angaben über die Anzahl der Opfer nicht möglich sind. Die unvorstellbare Brutalität mit der die Nationalsozialisten in dieser Nacht vorgingen war nur ein Vorgeschmack auf das was in den kommenden Jahren folgen sollte.

Was bleibt: Bei mir.

In der Schule wurden wir häufig nach den Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus gefragt, ob im Geschichts-, oder Politikunterricht. Immer wieder sollten wir dazu Stellung nehmen. Und ich muss zugeben, auch mich hat es irgendwann genervt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass man meine Antwort überhaupt hören wollte. Darum will ich hier nicht in einen missionarischen Ton verfallen, ich will ich nicht im Lehrerton sagen was „man“ lernen soll. Ich will sagen, was ich daraus lerne, was ich mitnehme.
Ich glaube die Köpenicker Blutwoche zeigt, dass nichts von dem was wir für selbstverständlich halten in Stein gemeißelt oder von Dauer ist. Nicht unsere Demokratie, nicht der Rechtsstaat, nicht die Gesellschaft. Ich glaube, wir haben ganz einfach vergessen, dass es auch ganz schnell anders gehen kann. Viele der Schläger von damals, waren nicht schon immer überzeugte Nazis oder Schläger, sie kamen aus der absteigenden Mittelschicht. Sie waren erfüllt von der Angst des sozialen Abstiegs. Von dem sie die Gesellschaft nicht retten konnte oder wollte. Warum soll es so was heute nicht mehr möglich sein? Ich muss nur in mein Handy schauen, dann lese ich jeden Tag von den Problemen in Griechenland, Spanien, Italien, der Türkei oder Brasilien. Länder mit großer sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit, in der eine kleine Gruppe von Menschen fast alles und die Mehrheit nichts besitzt.
Eine Gesellschaft steht auf wackligen Füßen. Wenn wir nicht bereit sind daran teilzunehmen, oder daran teilnehmen zu lassen, wird sie uns auf kurz oder lang unter den Selbigen zusammenbrechen. Was übrig bleibt ist Terror. Ja auch bei uns. Auch in unserem Land sind wir nicht bereit allen Menschen die gleichen Chancen zu gewähren, nicht alle zu beteiligen. Die, die zurückbleiben sind Menschen, die keine Hoffnung auf Aufstieg oder Teilhabe haben. Sie entwickeln selbstverständlich keinen Gestaltungswillen, für etwas, was ihnen nichts bringt, was sie nicht wollen. Das schürt Angst, Hass und Ablehnung. Was daraus folgen kann, kann man am Beispiel der Köpenicker Blutwoche sehen.
Ich glaube wir müssen uns bald die Frage stellen, ob wir weitermachen wie bisher oder ob bereit sind Menschen nachhaltig an der Gesellschaft zu beteiligen. Denn nur so bleibt die Gesellschaft.

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